«Wenn wir alles standardisieren, können unsere Leute nicht mehr selbst denken.» Das nimmt uns ja komplett den Freiraum und die Kreativität.
Diesen Einwand höre ich oft, wenn es um Prozessmanagement geht. Dahinter steckt ein Bild von Standardisierung als Fliessband: stumpf, starr, seelenlos. Und die Sorge ist ernst zu nehmen, denn schlecht gemachte Standards fühlen sich genau so an.
Aber das Entweder-oder stimmt nicht. Richtig eingesetzt ist Standardisierung nicht der Feind der Kreativität. Sie ist ihre Voraussetzung.
Was Standards wirklich leisten
Überlegen Sie, wofür Ihr Team seine geistige Energie heute aufwendet. Ein erstaunlich grosser Teil geht in Fragen, die längst beantwortet sein könnten: Wie erfasse ich diesen Auftrag? Wen muss ich informieren? In welcher Reihenfolge prüfe ich das?
Jede dieser Kleinentscheidungen kostet Aufmerksamkeit. Und diese Dinge sind absolutes Daily Business, das was immer läuft, das heisst, die Fragen kommen immer wieder von verschiedenen Mitarbeitenden. Und für diese Kleinentscheidungen wollen wir nicht jedes Mal neue Entscheidungsenergie aufbringen. Oder wollen Sie sich jeden Morgen von Neuem überlegen, wie Sie sich einen Kaffee machen? Ein guter Standard beantwortet sie ein für alle Mal und gibt die Aufmerksamkeit frei für das, was wirklich Denken braucht: den Sonderfall, das Kundenproblem, die Verbesserungsidee.
Anders gesagt: Standards nehmen dem Team nicht das Denken ab. Sie nehmen ihm das ständige Neu-Entscheiden von Routinefragen ab. Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Der zweite Nutzen: Ohne Standard gibt es keine Verbesserung
Hier kommt der Punkt, der oft übersehen wird. Verbesserung setzt einen Vergleichsmassstab voraus. Wenn drei Mitarbeitende denselben Ablauf auf drei Arten ausführen, was verbessern Sie dann? Sie können nicht einmal sagen, ob eine Änderung wirkt, weil es kein einheitliches Vorher gibt.
W. Edwards Deming, der Pionier des modernen Prozessdenkens, hat Verbesserung als Kreislauf beschrieben: planen, umsetzen, prüfen, anpassen (PDCA- Plan, Do, Check, Act). Dieser Kreislauf dreht sich nur, wenn es einen definierten Ausgangspunkt gibt. Der Standard ist nicht das Ende der Entwicklung. Er ist ihre jeweils beste bekannte Zwischenstufe, gültig genau so lange, bis jemand eine bessere findet.
Und wer findet die bessere? Die Menschen, die täglich damit arbeiten. Genau dafür braucht es beides: einen klaren Standard und eine Kultur, in der man ihn hinterfragen darf.
Woran Sie schlechte Standards erkennen
Die Sorge vor der Bürokratie ist berechtigt, wenn Standards so aussehen:
Sie regeln alles, auch das Unwichtige. Ein Standard für die Reihenfolge der Kaffeetassen im Schrank erzeugt Widerstand gegen alle Standards, auch die sinnvollen.
Sie wurden über die Köpfe hinweg beschlossen. Was ohne die Ausführenden definiert wurde, geht an der Realität vorbei und wird still umgangen.
Sie sind unantastbar. Wenn der Satz «Das ist halt der Prozess» jede Verbesserungsidee beendet, ist aus dem Werkzeug ein Gefängnis geworden.
Sie leben im Ordner statt im Alltag. Ein Standard, den niemand kennt, ist keiner.
Die richtige Balance finden
Meine Empfehlung für KMU: Standardisieren Sie die Wiederholung, nicht die Ausnahme.
Alles, was häufig, gleichartig und qualitätskritisch ist, verdient einen klaren Standard: Auftragserfassung, Übergaben, Prüfschritte, Freigaben. Alles, was Urteilsvermögen braucht, den Kundenkontakt im Konfliktfall, die Lösung neuer Probleme, die Entwicklung von Ideen, braucht stattdessen Leitplanken und fähige Menschen.
Und binden Sie das Team ein, immer. Der beste Standard ist der, den die Ausführenden selbst mitentwickelt haben. Er ist realistischer, er wird gelebt, und er wird verbessert, statt umgangen.
Fazit
Standardisierung und Kreativität sind keine Gegner. Stabile Routinen schaffen den Freiraum, in dem Ihr Team über das Wichtige nachdenken kann, und liefern den Massstab, ohne den Verbesserung nicht messbar ist. Die Frage ist nicht, ob Sie standardisieren. Die Frage ist, ob Ihre Standards dem Team dienen oder umgekehrt.
Wirken Ihre Abläufe eher wie Leitplanken oder wie Fesseln?
Im Erstgespräch schauen wir gemeinsam, wo Standards Ihrem Unternehmen Stabilität geben würden und wo Sie bewusst Freiraum lassen sollten.
Deming, W. E. (1982/2000): Out of the Crisis. MIT Press, Cambridge, MA.
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