Die Anfrage kam über zwei Lehrerinnen. Sie hatten mich bei einer Keynote in Bregenz gehört und fanden, ihre Schülerinnen und Schüler sollten das auch mitbekommen. So stand ich im Dezember 2025 am futureCampus der HAK Feldkirch in Vorarlberg, vor den drei obersten Jahrgängen.
Vor Führungskräften spreche ich regelmässig über Fehlerkultur. Vor Siebzehn- bis Neunzehnjährigen war es das erste Mal in dieser Form. Was in der Podiumsdiskussion danach passierte, war spannend.
Diese jungen Leute hatten schon gearbeitet
Die HAK ist eine österreichische Handelsakademie und damit keine allgemeinbildende Schule. Die Jugendlichen machen dort eine kaufmännische Ausbildung, viele haben Praktika hinter sich, manche arbeiten nebenher. Sie kennen Büroalltag. Sie kennen Vorgesetzte. Und sie kennen den Moment, in dem etwas schiefgeht und es im Raum still wird.
Deshalb lief die Diskussion anders, als ich erwartet hatte.
Ihre erste Frage galt dem System
In der Keynote hatte ich darüber gesprochen, welche Fragen nach einem Fehler weiterbringen. In der Diskussion haben die Schülerinnen und Schüler das auf ihre eigenen beruflichen Erfahrungen übertragen, ohne dass ich sie dorthin führen musste.
Sie fragten nicht: «Wer hat das verbockt?»
Sie fragten: «In welchem Umfeld ist das passiert? Wie sind die Abläufe aufgebaut, in denen so etwas möglich wird?»
Das ist die Verschiebung, an der ich mit Führungsteams manchmal monatelang arbeite («Old habits die hard»). Weg von der Person, hin zu den Bedingungen, unter denen jemand arbeitet. Diese jungen Leute brauchten dafür einen Nachmittag.
Warum das später schwerer wird
Wer neu ist, hat wenig zu verlieren. Keine Position, keinen Ruf, keine Vorgeschichte mit dem Chef. Ein Fehler ist dann eine Sachfrage.
Das ändert sich. Nach ein paar Jahren hängen am Fehler die Beurteilung und die nächste Lohnrunde, dazu das Ansehen im Team. Und dann verschiebt sich die erste Frage von «Was ist da passiert?» zu «Wie komme ich hier heil raus?».
Menschen werden nicht schlechter. Sie lernen, was sich in ihrem Betrieb lohnt.
Was das für Ihren Betrieb bedeutet
Wenn Sie Lernende ausbilden, haben Sie etwas im Haus, das andere teuer einkaufen: Leute, die unbefangener über Fehler reden und die sehen, was allen anderen längst nicht mehr auffällt.
Die Frage ist, was Ihr Betrieb damit macht.
Es läuft meistens unspektakulär ab. Eine Lernende meldet einen Fehler. Die Reaktion ist ein Seufzer und ein «Das muss man doch wissen». Niemand schreit, niemand droht. Nur ein Seufzer.
Beim dritten Mal meldet sie nichts mehr.
Was Sie ab morgen anders machen können
Fragen Sie nach dem Ablauf, nicht nach der Person. «Zeig mir, wie du vorgegangen bist» bringt mehr als «Wie konnte das passieren?». Die zweite Frage sucht einen Schuldigen, auch wenn sie nicht so gemeint ist. Das hört jeder heraus.
Erzählen Sie von eigenen Fehlern. Nicht von den harmlosen. Wenn eine Lernende hört, dass die Chefin auch schon eine Offerte mit einer falschen Zahl verschickt hat, sagt ihr das mehr über Fehlerkultur als jedes Leitbild an der Wand. Und nein, es öffnet nicht Tür und Tor für schludriges Arbeiten. Im Gegenteil, es sorgt dafür, dass Fehler angesprochen werden, in einem frühen Stadium, bevor sie richtig teuer werden.
Holen Sie nach drei Monaten eine Rückmeldung ein. Wer neu ist, sieht die Umwege, die alle anderen nicht mehr wahrnehmen. Dieses Zeitfenster schliesst sich von selbst. Nutzen Sie es, bevor die Person die Umwege für normal hält.
Was aus Feldkirch geblieben ist
Der Nachmittag hat Spass gemacht, auch weil die Schule pädagogisch ungewöhnlich weit ist. Was dort an Projekten läuft, sucht man an vielen Schulen vergeblich.
Mitgenommen habe ich noch etwas Unbequemes. Bei einem Fehler zuerst auf das System zu schauen statt auf die Person, das muss man jungen Menschen nicht beibringen. Man muss es ihnen nur nicht abgewöhnen.
Wie reagiert Ihr Betrieb auf Fehler?
In einem Erstgespräch schauen wir uns an, was in Ihrem Unternehmen nach einem Fehler wirklich passiert. Im Handbuch steht oft etwas anderes.
Beitrag teilen